Ich schmeiße alles aus meinem Schrank. Die alten Klamotten, der Krimskrams, von dem ich mich noch nie trennen konnte, aber heute werde ich es machen. Schon ein großer Berg liegt neben mir. Ich brauche das alles einfach nicht mehr. Für was denn? Ich brauche nur das wichtigste. Als ich weiterwühle, fällt die Box plötzlich in meine Hände. Ich ziehe den Deckel langsam ab und tausend kleine Zettelchen blicken mich entgegen. Tausende Papiere, Postkarten. Ich finde Glückwünsche zum Geburtstag, Postkarten aus großen Städten, wie Hamburg oder Toronto. Und dann finde ich die Karte mit der meisten Bedeutung für mich. Ich nehme sie ganz vorsichtig in die Hand, sie ist so leicht wie eine Feder, sodass ich sie kaum spüre. Ich drehe sie um, betrachte erstmal die schöne Schrift, ohne überhaupt zu lesen. Tränen steigen in meine Augen. Ich weiß noch genau, wie stolz ich damals auf diese Karte war. Ich lese ganz langsam und jedes Wort scheint auf meiner Zunge zu zerschmelzen. Sie schmecken süß und gleichzeitig sauer und richtig ekelhaft. "Ich weiß, dass ich mir das selbst zuzuschreiben habe", steht da. Ja, das hast du. Aber trotzdem kann ich dir das bis heute nicht krummnehmen. Heute schreiben wir das Jahr 2013 und als ich auf den Stempel schaue, steht da 2002. Ich mache einen Zeitsprung, als könnte ich in der Zeit reisen. Es kommt mir alles so kurz vor, alles ist noch so klar in meinem Gedächtnis. Als wäre es gestern gewesen. Ich merke nicht einmal, dass ich meine Augen für einen Moment geschlossen hatte. Die Bildern dürfen nicht wieder die Oberhand über mich übernehmen. "Ich möchte euch nämlich um nichts in der Welt verlieren", dieser Satz ist zu viel. Zu viel für mich, das Fass läuft letztendlich über. Es drückt die Tränen aus meinen Augen, als würden sie ausgequetscht werden. Ich schluchzte auf. Du hast uns verloren, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Es war deine Schuld, es war ihre Schuld. Es war die Schuld von uns allen. Unter anderen Umständen wären wir perfekt gewesen. Ein richtiges Vorzeigemodell. Wir würden immer noch zusammenwohnen, wir würden mehr Dinge unternehmen, wir wären glücklich. Ich drücke die Karte an meine Brust, als würde sie mich wiederbeleben. Ich lege sie wieder in die Box, mache sie zu. Danke Papa...
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