Dienstag, 9. Juli 2013

So kalt wie Eis

( Danke für über 4000 Seitenaufrufe. Ist echt ne Menge, oder? Stellt euch mal vor, ihr klickt 4000 Mal auf eure Maus. Naja danke dafür. ♥ Heute gibt's ne Kurzgeschichte, die ich eigentlich für Deutsch geschrieben habe, aber egal. )

Die Vorhänge sind zugezogen. Es ist dunkel, auch wenn ein paar kühle Sonnenstrahlen durch den pechschwarzen Stoff hindurch scheinen. Tausende von winzigen Staubkörnchen. Sie fliegen durch die Luft, spiegeln sich darin, tanzen wie unzählige Primaballerinas. Der Anblick ist friedlich. Mein zusammengedrückter Teddybär liegt links neben mir. Seine großen Kulleraugen, von denen nur noch eins übrig geblieben ist, blicken mich erwartungsvoll an. Mein einziger Freund. Tick, tack, tick tack. Noch nie schrie meine Armbanduhr so laut. Noch nie. Sekunden verstreichen, die mir wie Jahre vorkommen. Von dem Staub muss ich husten, würgen. Doch da ist noch immer das breite Klebeband zwischen meinem Mund und der Außenwelt. Ein süßlich, saurer Geruch. Würgen. Mein verächtliches Frühstück, bestehend aus bunten Tabletten, die ich nicht vertrage und einer kleiner Dosis Aufputschmittel. Dass ich funktioniere, wie sich versteht. Die Medizin schaltet mein Gehirn aus, legt einfach alles lahm. Es wurde extra dafür entwickelt, dass es mich zwingt davon abhängig zu sein. Es zwingt mich davon leben zu müssen. Wie ein Totkranker. Tick, tack, tick, tack. Ich darf keinen Laut von mir geben. Mir wird schwarz vor Augen. Schwarz wie die Hölle. Dann flimmert alles wieder hell auf. Meine zusammengeschnürten Hände ziehen meine Zudecke höher. Sie riecht nach Hass. Meine Arme umklammern die klapprigen Beine. Hauptsache so wenig Platz wie möglich einnehmen. Vom eigentlichen Zimmer strömt Zigarettenrauch in meine kleine, friedliche Abstellkammer. Ich hasse diesen Gestank so sehr. Die einen messen sich im Schach, die anderen, sie pokern. Ich höre die Chips über den Tisch gleiten, die Figuren über das Brett rennen. Zigarettenasche wird in einen Aschenbecher getippt. Jeder von ihnen hat bestimmt schon sein drittes Bier. Wer wird wohl dieses Mal gewinnen? Tick, tack, tick, tack. Wieder vergehen Sekunden. Ich halte es nicht mehr lange aus. Es fängt an zu regnen. Die Tropfen prasseln auf das Dach und spielen eine Melodie für mich, zu der sich die zirpenden Grillen dazugesellen. Die Männer haben Spaß beim Pokern, besonders wenn ich der Preis bin. Ein Stuhl wird nach hinten gerückt, einer von ihnen steht auf. Aufruhr. Seufzen. Enttäuschung. Er nuschelt irgendetwas, doch an seiner Stimme erkenne ich ihn. Ich kenne ihn. Der Regen ist zu laut, um mehr zu verstehen. Unter dem kleinen offenen Fensterspalt bildet sich eine Pfütze. Ich sehe seinen Schatten näher kommen. Angst überfällt mich. Sie ist wie ein Verbrecher. Sie überfällt mich, klaut mir all meine Kraft. Es blitzt und der ganze Himmel wird wie durch eine Kamera erhellt. Kurz darauf Donner. Angst. Tick, tack, tick, tack, tick. Die Türklinke wird herunter gedrückt. Quietschen. Sie fliegt auf. Jede Stelle meines Körper überzieht sich mit Gänsehaut. Das Licht blendet, sticht in meinen Augen. Wieder ein Donnern. Tick, tack, tick, tack, tick, tack. Ich zähle die Sekunden. Sein Kopf zeigt sich zuerst, weil er gebückt läuft, als müsste er etwas Schweres auf seinem Rücken tragen. Seine schwarzen, ungepflegten Haare schimmern im Licht. Tiefe Schatten unter seinen Augen. Darin unendlich tiefes Rehbraun. Er hustet schwer. Er kommt auf mich zu. Seine Klamotten sind schlicht gehalten. Ein schwarzes T-Shirt, eine Hose, dunkle Schuhe. Tick, tack, tick. Wie ich es von ihm gewöhnt bin. Die Entfernung zwischen uns wird immer mehr verdrängt. Tick, tack. Er sagt nichts, doch ich weiß was er denkt. Ich kenne ihn gut genug. Zu gut. Der Typ beugt sich über mich. Panik. Ich möchte um Hilfe schreien, fühle mich wie in einem Käfig gefangen, der immer kleiner wird. Ich spüre sein Gewicht auf mir. Es quetscht meine Lungen zusammen, erdrückt mich fast. Tick, tack, tick, tack, tick, tack, tick, tack. Seine Hände, die langsam die Konturen meines Körpers nachzeichnen. Meine Rippen, meine nie dagewesenen Hüften. Am liebsten würde ich ihn anschreien, ihm sagen, dass er mich sofort loslassen soll, ihn schlagen, bis er blaue Flecken davonträgt, brüllen, warum er das überhaupt tut. Tick, tack. Doch meine Hände sind gebunden, mein Mund ist zu, zugeklebt mit dem schwarzem Gafferband, versteinert wie der komplette Rest meines Körpers. Er atmet angestrengt, als würde er gerade im Ziel eines Marathons ankommen. Ein hämisches Grinsen. Sekundenbruchteile. Tick, tack, tick, tack. Erinnerungen ziehen an mir vorbei. Mein Teddybär. Unser Haus, unser neues Auto. Die Schule, in der ich einmal vor Ewigkeiten war. Und er. Wieder beugt er sich über mich, schaut mir tief in die Augen, als wäre ich Rotkäppchen und er der böse Wolf, der mich verschlingen will. Ich rieche das Bier. Die Zigaretten. Sein Griff verhärtet sich, sodass er meine Schulterblätter eindrückt. Seine Augen wirken auf irgendeine Weise leer, schwarz, doch genauso ehrlich und traurig. Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll. Ich möchte einfach nur noch davonrennen, die frische Luft in meinen Lungen spüren, den kühlen Regen auf meiner blassen Haut, den Wind in meinen Augen, bis sie anfangen zu tränen. Doch die Tränen kommen schon von alleine und wecken mich auf, aus meinen Gedanken, konfrontieren mich mit der eisig kalten Realität. Sie ist nichts im Gegensatz zu ihm. Ich habe das Gefühl meine Tränen würden gleich gefrieren, so kalt ist mir. Er bemerkt nicht einmal, wie sehr ich heule. Süße Grübchen in seinem Lächeln. Und Tschüss, weg ist sein schönes schwarzes T-Shirt. Vergammelt in der Ecke. Tick, tack, tick, tack, tick, tack. Ich schäme mich so unendlich sehr. Ich schäme mich für ihn, rede mir ein, ich kenne ihn nicht. Ich kenne ihn nicht. Kein einziges Stückchen. Ich kenne ihn nicht. - Doch. Tick, tack. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Sein schmaler, langer Zeigefinger fährt sanft über meine Lippen. Sie sind ausgetrocknet. Ich kenne ihn nicht. Tick, tack, tick, tack. Doch er überzeugt mich vom Gegenteil. Mein Bauch rebelliert immer noch. Erneutes Würgen. Ich versuche zu schreien, aber kann nicht. Ich frage mich, ob er mich hübsch findet, ob attraktiv, ob schlau. Ich würde gerne wissen, ob er Spaß dabei hat. Tick, tack, tick, tack. Ist er stolz auf mich? 26 Tage bin ich schon hier. Ich habe sie alle gezählt. Seine dunklen Augen. Seine Nase. Seine schmalen Wangenknochen. Die zusammengezogenen Augenbrauen. Alles viel zu ähnlich. Mein Körper ist schwach, ich kann nicht mehr. Ich kenne ihn nicht. Ich kenne ihn nicht. Ich rede es mir ein, aber glauben tue ich es nicht. Ich kenne ihn. Ich wünschte, er würde endlich damit aufhören. Tick, tack, tick, tack. Die Zeit rinnt durch meine Finger und ich kann nichts dagegen tun. Seine Hose gleitet seine haarigen Beine hinab. Klos im Hals, Herz in der Hose. Bitteres Bier. Die Kamera steht bereit. Zittern. Würgen. Tick und tack und tick und tack. Er ist bereit. Ich bin es nicht. Regen. Donner. Zigaretten. Tick und tack. Staubkörnchen. Wieder beugt er sich über mich. Ein kalter Blick. Schmerzen. „Ich liebe dich“, keucht er ohne ein Hauch von Wärme, ohne Liebe. So kalt wie Eis. Alles ist viel zu ähnlich. Nein, nein, nein! - Das ist nicht mein Vater. Nein.

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